Viele Deiner Bilder haben Berlin zum Thema. Warum?
Zurzeit lebe ich in Berlin! Ich bin in Dallas aufgewachsen und 1993 nach Berlin gezogen. Als ich das erste Mal in Berlin war, stand die Mauer noch – es war schrecklich und ich war geschockt als ich diese Stadt gesehen habe. Mein einziger Gedanke war: „Um Gottes Willen, die leben hier wie im Gefängnis“
Zum Zeitpunkt als die Mauer fiel, lebte ich gerade in Hamburg. Ich fand es beeindruckend und fantastisch was in Berlin passierte und wie frei sich die Menschen dort nun fühlen müssen. Ich verliebte mich in einen wunderbaren Mann – ein geborener Berliner der nie woanders leben wollte. Schnell stand fest, entweder ich komme nach Berlin oder wir lernen uns nicht besser kennen. Somit zog ich 1993 nach Berlin.
Und habt Ihr, Du und Berlin, Euch dann angefreundet?
Am Anfang war es schwer für mich, da ich nicht wusste wie ich mit der Stadt umgehen sollte. Zu der Zeit fluteten gerade von allen Seiten Leute aus dem Ausland in die Stadt. Es passierte so viel und ich wusste nicht in welche Richtung das steuert.
Offensichtlich steuerte es in die richtige Richtung, denn jetzt finde ich Berlin sensationell und möchte gar nicht woanders leben. Die Stadt lässt einem Luft zum Atmen, man ist nicht gezwungen, sich in ein Schema einfügen zu müssen, um hier leben zu dürfen.
Du lebst ja nun schon lange in Deutschland. Beeinflusst Dich Dein Aufwachsen in den USA immer noch oder ist das für Dich eine abgeschlossene Periode Deiner Jugend?
Die Zeit hat mich sehr geprägt, gerade bezüglich meiner Freiheitsliebe. Das höchste Gut aller Amerikaner ist die Liebe zur Freiheit. Nehmen wir doch einmal die Gesundheitsreform von Obama: Es gibt so viele Amerikaner, die dagegen sind, weil Sie sich einfach nicht zwingen lassen wollen in irgendeine Kasse einzuzahlen und einfach selber entscheiden wollen. Da sind die Amerikaner schon manchmal sehr extrem – aber genau das macht sie aus.
Dieser Drang nach Freiheit ist für mich etwas, was ich in meiner Kindheit vorgelebt bekommen habe und es ist etwas, wofür ich mich sehr einsetze. Ich versuche diesen Drang mit meinen Bildern zu verkörpern. Ich kann es nicht verstehen, dass manche Menschen sich klein machen und gefangen nehmen lassen. Daher bin ich über die Entwicklung in den arabischen Ländern so fasziniert. Darüber, dass dort der Freiheitsgedanke eigentlich viel schneller um sich greift, als in manchen Ländern, in denen der Kapitalismus schon vor längerer Zeit Einzug gehalten hat, wie zum Beispiel in China.
Das merkt man in Deinen Bildern natürlich sehr, diesen Kampf gegen Eingesperrt sein und die Liebe zur Freiheit. Welche Themen sind es noch, mit denen Du Dich auseinander setzt in Deinen Werken?
Im Grunde mit allem, was unsere Kultur, unsere Gesellschaft anbelangt. Dinge, nach denen wir streben, versuche ich kritisch zu hinterfragen. Zum Beispiel Schönheitsideale: kleine Nase, große Nase, schiefe Nase – ist das so wichtig?
Natürlich sind es meistens die negativen Aspekte, die ich aufgreife. Ich will den Menschen zeigen, dass man mehr Wert auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben legen sollte. Zum Beispiel bei meinem Bild „No Fucking Way Baby“ – eine Frau mit wunderschönen Brüsten, aber leider ohne Kopf. Was bringt es mir also einen wunderschönen Körper zu haben, wenn ich nicht in der Lage bin meinen Kopf in Ordnung zu bringen – ihn zu füllen? Ich glaube dieses Phänomen tritt besonders häufig bei Frauen auf, da wir (auch wenn man es oft leugnet) häufig immer noch in den alten Rollenklischees gefangen sind. Hauptsache „verheiratet und versorgt“!
Haben sich die Themen, mit denen Du Dich in Deinen Werken auseinandersetzt und die Materialien über die Zeit verändert?
Definitiv – Ich experimentiere wahnsinnig gerne mit unterschiedlichen Materialien, soweit es mir möglich ist natürlich ohne Assistenten.
Meine Themen haben sich prinzipiell nicht geändert. Ich würde sagen ich habe lediglich ein bisschen an meiner Ausdrucksweise gearbeitet. Ich bin ein bisschen aggressiver und brutaler geworden, als ich es noch vor ein paar Jahren war.
Wie äußert sich das? Welche Werke wären ein Beispiel dafür? Wir haben ja vorhin die Stühle gesehen, die sind ja schon relativ aggressiv.
(überlegt und lacht) Naja…
Gut, es geht also noch aggressiver?!
Das, woran ich denke, habe ich leider gerade nicht im Atelier … Aber zum Beispiel durch den Gebrauch von Waffen, von Stacheldraht, von “Blut”. Das hätte ich früher niemals in Erwägung gezogen. Früher wollte ich Dinge sagen, aber nicht so direkt, dass es weh tun könnte. Heute lege ich da nicht mehr so viel Wert drauf und liebe es Grenzen zu überschreiten
Und woran liegt diese Veränderung? Hast Du festgestellt, dass es mit dem Soften nicht geht?
Ich glaube, das ist eine Frage der Erfahrung. Ich bin ja nun ein paar Jahre älter geworden und bestimmt auch nicht mehr so manipulierbar wie damals.
Wenn man jung ist, sucht man seinen Platz in der Gesellschaft, probiert vieles aus, aber ist vorsichtig. Meiner Meinung nach sind da Frauen auch anders als Männer. Männer sind in jüngeren Jahren viel aggressiver, und werden dann in zunehmendem Alter ruhiger. Bei mir ist es genau umgekehrt, ich weiß mittlerweile was ich will und möchte das auch sagen und definitiv auch zeigen können. Ich möchte, nein besser ich WILL, dass man mir zuhört. Deswegen muss ich eine Spur schärfer handeln, als ich es früher getan habe.
Glaubst Du, dass die heutige Zeit auch nach einer schärferen Sprache verlangt? Dass man heute, im Gegensatz zu früher nur durchdringt, wenn man schärfer spricht?
Das ist gut möglich, es wird ja vieles lauter. Wir werden mit Informationen überflutet, so dass man einfach anders und lauter sein muss, um sich von allem Unwichtigen abzuheben. Wenn ich etwas mit Kraftausdrücken belege oder sage, wird natürlich anders zugehört, als wenn ich das nett und wohl formuliert hinhauche. Das ist klar … aber nicht das es falsch verstanden wird: „ich kann beide Sprachen“ (lacht).
Der Begriff “Correspondent Art”, ist das ein Begriff, den Du geprägt hast?
Ja, den Begriff „Correspondent Art“ habe ich mir irgendwann ausgedacht. “Correspondent Art”, ganz profan einfach weil ich es liebe, viel Schrift in meinen Werken zu verwenden. Das Bild korrespondiert sozusagen mit dem Betrachter. Ich erlebe Menschen, die vor dem Bild stehen und lesen, dann lesen sie ein zweites Mal, und plötzlich haben sie diesen „Aha-Effekt“. Sie fangen an nachzudenken oder auch zu lachen, weil sie plötzlich das Bild von einer anderen Seite sehen – der Geschriebenen.
Du bist durch Deine Bilder, aber auch insgesamt sehr engagiert.
Ja, das ist mir sehr wichtig. Ich finde, neben der Arbeit, die man macht und der Familie, um die man sich kümmert, ist das etwas, was einen großen Stellenwert haben sollte. Mein ausgeprägtes Freiheitsdenken lässt mich natürlich darunter leiden, wenn ich andere sehe, die sich nicht aus ihren “Fesseln“ befreien können. Zum Beispiel Kinder, die schlimme Sachen erleben und keine Chance haben zu entfliehen, weil es ihnen einfach an den finanziellen Möglichkeiten mangelt. Genau da möchte ich ansetzen, Möglichkeiten geben und helfen zu vergessen.
Ich bin nicht reich, aber ich hab die Möglichkeit, anders zu geben – meine Kunst öffnet mir da einige verborgene Türen. Durch die Aussagen meiner Kunst, aber auch indem ich meine Kunst für gute Zwecke spende, möchte ich zeigen, dass sich jeder für die Gesellschaft einsetzen sollte.
Außerdem, wer weiß was im Leben geschieht? Jedem von uns kann morgen etwas Schlimmes passieren, und dann braucht jeder eine helfende Hand. Das kann man allerdings nur erwarten, wenn man auch selber bereit ist zu geben.
Zu Deinen Sammlern zählen Persönlichkeiten wie Bill Clinton oder Sharon Stone, man trifft Dich auf der Fashion Week. Wie wichtig ist Dir Glamour?
Wenn ich ganz ehrlich bin, mir macht das unglaublich viel Spaß. Auf solchen Events lernt man ganz viele unterschiedliche Menschen und Persönlichkeiten kennen. Es gibt viele die sich als „angepasste Pferdchen“ geben, aber gewiss auch einige ganz außerordentliche Menschen, die durch Ihr Wesen beeindrucken und ganz sie selbst sind. Solche Menschen liebe ich, die ihren ganz eigenen Charakter haben und ihr eigenes “Ding” machen, obwohl andere die Nase rümpfen und sagen, “Das geht ja gar nicht …”. Gerade in dem “glamourösen” Bereich trifft man auf einige solch beeindruckende Menschen. Super ist natürlich auch, dass mir so eine Veranstaltung natürlich wahnsinnig viel Projektionsfläche für meine Arbeiten gibt. Eine solche Gala könnte ich in Minimum dreißig Bildern verarbeiten (lacht).
Ganz wichtig ist aber die Variabilität im Leben. Man taucht ein in diese glamouröse Welt, man erlebt diese Welt und das ist toll. Aber genauso wichtig ist es, dass man danach wieder zurückkommt. Zurück in die Familie mit ihren alltäglichen Situationen – die richtige Balance ist unglaublich wichtig.
Gibt’s denn Dinge, an denen du gerade arbeitest, die Du uns verraten kannst?
Momentan dreht sich bei mir alles um meinen Umzug in das neue Atelier in Berlin-Zehlendorf. Darauf freue ich mich sehr, da es mir dort möglich sein wird eine eigene Galerie mit meinen Werken zu eröffnen und ich so jedem die Möglichkeit bieten kann, sich meine Werke vor Ort anzuschauen.
Zudem gibt es schon das ein oder andere sehr spannende Projekt. Dies ist aber alles noch nicht in trockenen Tüchern. Zum Beispiel bin ich natürlich auch jemand, der Mode unheimlich gerne mag (lacht vielsagend).
Das heißt, wir können gespannt sein auf Roben von Freddy Reitz?
Naja, nicht unbedingt Roben, aber ich werde andere Sachen machen, die sicher auch wieder ein bisschen provokant und kontrovers sein werden…
(Interview: Tom Felber / Alle Artikel-Fotos von Stefanie Briggl für Ethos)
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